Wenn du an die Giganten der Urzeit denkst, hast du vermutlich sofort den berüchtigten Tyrannosaurus rex oder gewaltige Langhalssaurier vor Augen. Doch wie sah es eigentlich am prähistorischen Himmel aus? Lange Zeit galt der nordamerikanische Quetzalcoatlus unangefochten als das größte flugfähige Lebewesen der Erdgeschichte. In den vergangenen Jahren sorgt in der Paläontologie und im Netz allerdings ein anderer Name für riesiges Staunen: Hatzegopteryx.

War diese gigantische Flugechse tatsächlich noch mächtiger als der bisherige Rekordhalter? Die kurze Antwort lautet: Hinsichtlich der reinen Flügelspannweite lieferten sich beide Giganten ein Kopf-an-Kopf-Rennen bei rund 10 bis 11 Metern. Was jedoch den massiven Körperbau, die Knochenstärke und das vermutete Kampfgewicht angeht, war Hatzegopteryx ein echtes Schwergewicht und stellte die bisherigen Vorstellungen von Flugsauriern völlig auf den Kopf. Der bekannte Creator BaconRants hat dieses faszinierende Kräftemessen in einem packenden Video-Short aufgegriffen. Der Short bringt es kurz und knackig auf den Punkt – hier liefern wir die wissenschaftlichen Hintergründe und spannenden Details dazu.

Weder Vogel noch Dinosaurier: Wer war Hatzegopteryx?

In populären Videos wird Hatzegopteryx gelegentlich fälschlicherweise als „größter Vogel aller Zeiten“ bezeichnet. Paläontologisch ist das jedoch nicht haltbar: Vögel stammen direkt von fleischfressenden theropoden Dinosauriern ab. Hatzegopteryx gehörte hingegen zur ausgestorbenen Ordnung der Flugsaurier (Pterosauria), genauer gesagt zur Familie der Azhdarchidae. Flugsaurier waren eigenständige fliegende Reptilien. Sie teilten sich mit den Dinosauriern zwar gemeinsame Vorfahren unter den Archosauriern, bildeten aber einen gänzlich eigenständigen Zweig des Stammbaums.

Auch von einer völlig neuen Entdeckung kann streng genommen keine Rede sein: Erste versteinerte Bruchstücke des Tiers wurden bereits Ende der 1970er-Jahre von einem rumänischen Forschungsteam um Dan Grigorescu im Hațeg-Becken im Westen Rumäniens geborgen. Weil die versteinerten Knochenreste so ungemein dickwandig und robust waren, hielten die Entdecker sie zunächst für Skelettteile eines großen Raubdinosauriers. Erst rund zwei Jahrzehnte später erkannten die Paläontologen Éric Buffetaut, Dan Grigorescu und Zoltán Csiki die wahre Natur des Fundes. Sie beschrieben das Tier im Jahr 2002 wissenschaftlich als Hatzegopteryx thambema. Der Gattungsname setzt sich aus dem Fundort Hațeg und dem altgriechischen Wort pteryx (Flügel) zusammen, während das Artepitheton thambema passend für „Schrecken“ oder „Wunder“ steht.

Anzeige

Kopf-an-Kopf: Hatzegopteryx gegen Quetzalcoatlus

Lange Zeit galt Quetzalcoatlus northropi, dessen Überreste in Texas entdeckt wurden, als der unangefochtene Maßstab unter den Riesen der Lüfte. Mit geschätzten 10 bis 11 Metern Flügelspannweite überragte er alles Bisherige. Bei der Erstbeschreibung von Hatzegopteryx gingen die Forscher anhand eines gigantischen Oberarmknochens (Humerus) sogar von einer möglichen Spannweite von bis zu 12 Metern aus.

Neuere biomechanische Modellierungen durch Spezialisten wie Mark Witton und Darren Naish ordnen beide Tiere heute in eine vergleichbare Größenordnung ein: Beide erreichten eine Flügelspannweite von etwa 10 bis 11 Metern und überragten am Boden stehend mit vier bis fünf Metern Schulterhöhe selbst eine heutige ausgewachsene Giraffe.

Dennoch gibt es einen fundamentalen Unterschied im Bauplan: Während Quetzalcoatlus ausgesprochen grazil und schlank gebaut war – perfekt angepasst an ressourcensparendes Segeln über riesige Kontinentaldistanzen –, glich Hatzegopteryx eher einer fliegenden Festung. Sein Schädel war mit einer geschätzten Länge von bis zu 2,5 Metern nicht nur enorm lang, sondern vor allem im hinteren Bereich deutlich breiter und stabiler konstruiert. Auch sein Körpergewicht wird in aktuellen Studien auf 200 bis über 250 Kilogramm geschätzt. Damit dürfte Hatzegopteryx das massivste Tier gewesen sein, das sich jemals aus eigener Kraft in die Lüfte erhoben hat.

Hațeg-Insel: Wie ein Flugsaurier zum Spitzenprädator wurde

Um zu verstehen, warum Hatzegopteryx im Laufe der Evolution einen so ungewöhnlich schweren und kraftvollen Bauplan entwickelte, lohnt sich ein Blick auf seinen Lebensraum in der späten Kreidezeit vor rund 66 bis 70 Millionen Jahren. Große Teile des heutigen Europas bildeten damals ein subtropisches Archipel aus Inseln, die von einem flachen Meer umgeben waren. Das Hațeg-Becken war damals Teil einer abgeschiedenen Landmasse, der sogenannten Hațeg-Insel.

In solchen isolierten Lebensräumen greift häufig das biologische Gesetz der Inselverzwergung: Um mit begrenzten Futterressourcen auszukommen, schrumpften Pflanzenfresser über Jahrmillionen. So lebten auf Hațeg beispielsweise der Zwerg-Sauropode Magyarosaurus oder der kompakte Entenschnabelsaurier Telmatosaurus. Was auf der Insel jedoch völlig fehlte, waren die riesigen Theropoden, die auf den Kontinenten an der Spitze der Nahrungskette standen.

In dieses ökologische Vakuum stieß Hatzegopteryx. Ohne die Konkurrenz großer landlebender Fleischfresser entwickelte er sich nicht nur zum Segler am Himmel, sondern zum gefürchteten Spitzenprädator am Boden. Ähnlich wie moderne Störche oder afrikanische Marabus schritt er auf seinen kräftigen vier Gliedmaßen über das Gelände und erbeutete selbst Jungtiere und mittelgroße Zwergdinosaurier.

Geniale Knochenarchitektur für ungeahnte Stabilität

Wie aber konnte ein Tier dieser Größenordnung mit einem derart schweren Schädel überhaupt funktionstüchtig bleiben, ohne sich bei der Jagd das Genick zu brechen? Eine bahnbrechende Arbeit der Forscher Darren Naish und Mark Witton lieferte 2017 die Erklärung anhand neu entdeckter Halswirbel:

  1. Kompakter Stiernacken: Während Quetzalcoatlus einen extrem gestreckten, dünnen Röhrenhals besaß, war der Hals von Hatzegopteryx rund ein Drittel kürzer, dafür aber außergewöhnlich breit und massiv mit Muskeln bepackt.
  2. Verstärkte Knochenwände: Die Knochenaußenwand der Wirbel wies eine Stärke von 4 bis 6 Millimetern auf – ein Vielfaches dessen, was man von den hauchdünnen Skelettstrukturen normaler Flugsaurier kannte.
  3. Biologischer Hartschaum: Das Knocheninnere war nicht einfach hohl, sondern durch ein komplexes Geflecht hauchdünner Trabekel (Knochenbälkchen) versteift. Diese Struktur funktionierte wie ein natürlicher Leichtbau-Hartschaum: hochelastisch, bruchfest gegenüber Verdrehungen und dennoch leicht genug zum Fliegen.

Wie hob ein Gigant dieser Masse ab?

Lange Zeit fragten sich Laien und Wissenschaftler gleichermaßen, wie ein 250 Kilogramm schweres Tier ohne langen Anlauf überhaupt starten konnte. Moderne Strömungs- und Bewegungssimulationen zeigen: Flugsaurier starteten völlig anders als heutige Vögel. Sie nutzten den sogenannten Quadrupedal Launch, einen katapultartigen Vierbeiner-Sprung. Indem sie sich mit ihren gewaltigen, flügeltragenden Vorderbeinen vom Boden wegstemmten, katapultierten sie ihre gesamte Körpermasse in Sekundenschnelle in die Luft, um erst danach mit dem kraftvollen Flügelschlag einzusetzen.

Häufige Fragen

War Hatzegopteryx ein echter Dinosaurier?

Nein. Flugsaurier (Pterosauria) bilden eine eigene Ordnung flugfähiger Reptilien. Sie lebten zwar zeitgleich mit den Dinosauriern im Erdmittelalter und sind eng mit ihnen verwandt, gehören taxonomisch aber nicht zu den Dinosauriern.

Wer war nun größer: Quetzalcoatlus oder Hatzegopteryx?

Beide erreichten eine sehr ähnliche Flügelspannweite von etwa 10 bis 11 Metern und überragten am Boden eine Giraffe. Quetzalcoatlus wirkte durch seinen extrem schlanken Hals und zierlicheren Bau optisch länger und graziler, während Hatzegopteryx deutlich schwerer, muskulöser und dickknöcheriger war.

Wie konnte Hatzegopteryx auf der Hațeg-Insel überleben?

Er füllte die freie ökologische Nische als Spitzenräuber aus. Da auf der Insel keine großen Raubdinosaurier existierten, jagte der Riesenflugsaurier am Boden kleinere und mittelgroße Zwergdinosaurier.

Quellen

  • Naish, D. & Witton, M. P. (2017): Neck biomechanics indicate that giant Transylvanian azhdarchid pterosaurs were short-necked arch predators. PeerJ 5:e2908.
  • Buffetaut, É., Grigorescu, D. & Csiki, Z. (2002): A new giant pterosaur with a robust skull from the latest Cretaceous of Romania. Naturwissenschaften 89(4), S. 180–184.
  • Witton, M. P. & Habib, M. B. (2010): On the size and flight diversity of giant pterosaurs, the use of inspire-and-climb models to test giant pterosaur flight. PLOS ONE 5(11): e13982.
  • Witton, M. P. (2017): When the short-necked, giant azhdarchid pterosaur Hatzegopteryx ruled Late Cretaceous Romania. Mark Witton’s Blog.