Wenn du an einem sonnigen Sommertag nach draußen trittst, spürst du vor allem wohlige Wärme auf deiner Haut. Doch physikalisch betrachtet passiert in diesem Moment noch etwas ganz anderes: Du wirst ununterbrochen beschossen. Licht transportiert eine reale mechanische Kraft. Die Frage, ob das Sonnenlicht tatsächlich gegen deinen Körper und unseren Planeten drückt, lässt sich eindeutig mit Ja beantworten – auch wenn die Kräfte im irdischen Alltag verschwindend klein bleiben.
Der YouTuber BaconRants greift dieses faszinierende Naturphänomen in einem Video auf und vergleicht das scheinbar friedliche Sonnenbad bildstark mit einem Ringkampf gegen unser Zentralgestirn. Der Short bringt den physikalischen Kern kurz und knackig auf den Punkt – hier sind die spannenden wissenschaftlichen Hintergründe, die Berechnungen und die tatsächlichen kosmischen Dimensionen.
Photonen im Anflug: Wie Licht überhaupt schubsen kann
Dass Licht einen Druck ausüben kann, klingt zunächst kontraintuitiv. Schließlich lernen wir in der Schule, dass Photonen – die Elementarteilchen des Lichts – keine Ruhemasse besitzen. Wie soll ein masseloses Teilchen also einen messbaren mechanischen Stoß versetzen?
Die Auflösung liefert die Quanten- und Relativitätsphysik. Nach Albert Einsteins berühmter Energie-Masse-Beziehung und den Prinzipien der Quantenmechanik besitzt elektromagnetische Strahlung Energie. Und wo Energie transportiert wird, existiert nach den Gesetzen der Physik auch ein Impuls. Für Licht gilt der fundamentale Zusammenhang $p = E / c$, wobei $p$ für den Impuls, $E$ für die Energie und $c$ für die Lichtgeschwindigkeit im Vakuum steht.
Trifft ein Photon auf deine Haut, ein Blatt oder eine Hauswand, gibt es diesen Impuls ab:
- Absorption: Verschluckt eine dunkle Oberfläche das Licht, geht der Impuls des Photons vollständig auf das getroffene Objekt über.
- Reflexion: Prallt das Licht an einer spiegelnden oder hellen Fläche ab, kehrt sich seine Bewegungsrichtung um. Dadurch überträgt es rechnerisch sogar den doppelten Impuls – genau wie ein elastischer Gummiball, der von einer massiven Mauer zurückfedert.
Diesen kontinuierlichen Impulsübertrag zahlloser Lichtquanten bezeichnen Fachleute als Strahlungsdruck. James Clerk Maxwell sagte ihn bereits in den 1870er-Jahren im Rahmen seiner Elektrodynamik theoretisch voraus. Um das Jahr 1900 gelang dem russischen Physiker Pjotr Lebedew schließlich der erste experimentelle Nachweis im Labor.
Der Druck auf deiner Haut: Spürst du die Sonnenstrahlen?
Wenn jede Sekunde unzählige Trillionen Photonen auf unseren Körper einprasseln: Wie viel Kraft lastet dann tatsächlich auf uns?
Direkt an der Erdoberfläche trifft bei wolkenlosem Himmel im Zenit eine Strahlungsleistung von rund 1.000 Watt pro Quadratmeter ein. Teilt man diesen Strahlungsfluss durch die Lichtgeschwindigkeit, erhält man den physikalischen Strahlungsdruck: Er bewegt sich je nach Reflexionsgrad deiner Kleidung und Haut zwischen 3,3 und 5 Mikronewton pro Quadratmeter.
Rechnet man diesen Wert auf die beleuchtete Projektionsfläche eines stehenden Menschen um (üblicherweise etwa 0,5 bis 0,8 Quadratmeter), wirkt auf deinen Körper eine Gesamtkraft von gerade einmal 2 bis 4 Mikronewton. Umgerechnet in die vertraute irdische Gewichtskraft entspricht das einer Masse von weniger als 0,4 Milligramm.
Zum Vergleich: Eine einzelne menschliche Wimper wiegt bereits spürbar mehr. Du musst also keine Sorge haben, vom Sonnenlicht umgeworfen zu werden. Die feinen Mechanorezeptoren der menschlichen Haut reagieren erst ab Kräften von einigen Millinewton – der Strahlungsdruck ist dafür tausendfach zu schwach.
Kosmische Waage: Drückt die Sonne die ganze Erde weg?
Deutlich eindrucksvoller wird die Rechnung, wenn wir den Blick vom einzelnen Spaziergänger auf den gesamten Planeten lenken. Die Erde bietet der Sonnenstrahlung eine gigantische geometrische Querschnittsfläche von etwa 127 Millionen Quadratkilometern ($1,27 \times 10^{14},\text{m}^2$). Außerhalb der Atmosphäre trifft sie eine mittlere Strahlungsleistung von rund 1.361 Watt pro Quadratmeter, die sogenannte Solarkonstante.
Multipliziert man diese Werte, fängt die Erde permanent eine gewaltige Leistung von etwa 174 Petawatt an Sonnenlicht ab. Berechnet man den daraus resultierenden Strahlungsdruck unter Berücksichtigung der irdischen Reflexion (die Albedo der Erde liegt bei etwa 0,3), drückt die Sonne mit einer Gesamtkraft von rund 600 bis 800 Millionen Newton gegen unseren Globus.
Umgerechnet in eine äquivalente Gewichtskraft auf der Erdoberfläche entspricht dieser Lichtschubs einer Masse von 60.000 bis 80.000 Tonnen – das gleicht in etwa dem Gewicht eines voll beladenen Flugzeugträgers. In manchen populärwissenschaftlichen Beiträgen geistern gelegentlich stark übertriebene Zahlen wie „150 Millionen Tonnen“ herum; dabei handelt es sich fast immer um Umrechnungsfehler zwischen amerikanischen Pfund und metrischen Tonnen.
Doch selbst 80.000 Tonnen verblassen vor den astronomischen Dimensionen der Erde: Mit einer Masse von fast $6 \times 10^{21}$ Tonnen spürt unser Planet von diesem Stoß praktisch nichts. Die Gravitationskraft, mit der die Sonne die Erde auf ihrer Umlaufbahn hält, beträgt gewaltige $3,5 \times 10^{22}$ Newton – sie ist damit zig Billionen Mal stärker als der abstoßende Strahlungsdruck.
Kosmische Bahnen: Wo der Lichtdruck Geschichte schreibt
Im Vakuum des Weltalls, abseits von Reibung und starker Oberflächengravitation, entfaltet der scheinbar winzige Lichtdruck jedoch verblüffende Effekte:
- Kometenschweife: Schon Johannes Kepler postulierte Anfang des 17. Jahrhunderts die Existenz von Lichtdruck. Er beobachtete, dass die Schweife von Kometen stets exakt von der Sonne wegweisen – verweht vom Impuls der Photonen und dem Sonnenwind.
- Der Jarkowski-Effekt: Ein rotierender Asteroid nimmt tagsüber Sonnenwärme auf und strahlt diese zeitversetzt auf seiner Nachmittagsseite wieder als Wärmestrahlung (Infrarotphotonen) ins All ab. Weil die abgegebenen Photonen Impuls tragen, wirkt die Wärmeabstrahlung wie eine minimale, permanente Schubdüse. Über Millionen von Jahren verschiebt dieser Effekt die Umlaufbahnen tonnenschwerer Himmelskörper messbar – eine unverzichtbare Variable bei der Risikoanalyse erdnaher Asteroiden.
- Sonnensegel in der Raumfahrt: Missionen wie Japans IKAROS oder das Projekt LightSail 2 der Planetary Society haben demonstriert, dass Raumfahrzeuge rein durch den Druck des Sonnenlichts manövrieren können – völlig lautlos, emissionsfrei und ganz ohne Treibstoff.
Häufige Fragen
Haben Photonen eine Masse?
Nein, Photonen besitzen keine Ruhemasse. In der modernen Physik tragen sie jedoch Energie, und an diese Energie ist untrennbar ein Impuls gekoppelt. Beim Aufprall oder bei der Reflexion wird dieser Impuls übertragen, was in einer realen mechanischen Kraft resultiert.
Warum spürt man den Strahlungsdruck auf der Haut nicht?
Die Kraft des Sonnenlichts auf die gesamte Vorderseite deines Körpers entspricht nur dem Gewicht von weniger als einem halben Milligramm. Menschliche Tastrezeptoren sprechen erst auf Kräfte an, die mindestens tausendmal größer sind.
Worin unterscheiden sich Strahlungsdruck und Sonnenwind?
Der Strahlungsdruck entsteht rein durch masselose Lichtquanten (elektromagnetische Wellen). Der Sonnenwind hingegen ist ein kontinuierlicher Strom aus geladenen, massebehafteten Materieteilchen (überwiegend Protonen und Elektronen), die von der Sonne ins All geblasen werden.
Kann die Sonne kleine Staubpartikel aus dem Sonnensystem fegen?
Ja. Während die Schwerkraft mit dem Volumen eines Objekts ($r^3$) skaliert, hängt der Strahlungsdruck von dessen Querschnittsfläche ($r^2$) ab. Bei mikroskopisch feinem Staub unterhalb einer bestimmten Größe überwiegt daher der abstoßende Strahlungsdruck, wodurch diese Partikel nach außen getrieben werden.
Quellen
- Wikipedia: Strahlungsdruck
- National Radio Astronomy Observatory: Yarkovsky Effect
- The Planetary Society: The LightSail Mission
- Scholarpedia: Yarkovsky and YORP effects
- Inspiration: Short von BaconRants




