Wenn du an die lautesten Lebewesen der Erde denkst, kommen dir vermutlich zuerst brüllende Löwen in der Savanne oder laute Affenhorden im Dschungel in den Sinn. Doch die mit Abstand gewaltigste Schallquelle im Tierreich lebt nicht an Land, sondern in den lichtlosen Tiefen der Weltmeere: Es ist der Pottwal (Physeter macrocephalus). Seine extrem kurzen Klicklaute zur Echoortung erreichen gemessene Spitzenpegel von bis zu 236 Dezibel. Doch was bedeutet dieser Rekordwert physikalisch wirklich, und warum darf man Dezibel-Zahlen im Wasser niemals direkt mit Geräuschen an Land gleichsetzen?
Der YouTube-Kanal BaconRants bringt dieses faszinierende Naturphänomen in einem packenden Short kurz und knackig auf den Punkt. Wir werfen einen genaueren Blick auf die erstaunliche Physik und Biologie hinter dem tierischen Rekord.
Die Krachmacher an Land: Vom Löwen zum Brüllaffen
Bevor wir in die Tiefsee abtauchen, lohnt sich ein Blick auf das Festland. Das Gebrüll eines ausgewachsenen Löwen ist legendär: Mit rund 114 Dezibel (gemessen in einem Meter Entfernung) hallt es bis zu acht Kilometer weit über das offene Grasland. Löwen nutzen diese Resonanz vor allem, um ihr Revier zu markieren und Rudelmitglieder über weite Distanzen zu rufen.
Den Titel für das lauteste Landsäugetier hält jedoch ein Primat: der Brüllaffe Mittel- und Südamerikas. Sein tiefes, kehliges Heulen erreicht Spitzenwerte von rund 140 Dezibel und dringt problemlos durch dichten Tropenwald. Möglich macht dies ein stark vergrößertes, ballonartiges Zungenbein, das als natürlicher Resonanzkörper funktioniert. Ein Schalldruck von 140 Dezibel liegt an der Luft bereits spürbar über der menschlichen Schmerzgrenze, die bei etwa 120 Dezibel beginnt. Auch manche Fledermäuse wie die Große Hasenmaulfledermaus stoßen Ultraschallrufe mit bis zu 140 Dezibel aus – für das menschliche Ohr allerdings unhörbar.
Das Sonar des Pottwals: Akustische Höchstleistung im Ozean
Im Vergleich zu den Riesen der Meere sind alle Landsäuger jedoch leise Flüsterer. Wenn Pottwale in Tiefen von mehr als tausend Metern nach Beute wie Riesenkalmaren suchen, hilft ihnen kein Sonnenlicht. Sie navigieren und jagen fast ausschließlich mit einem hochentwickelten Bio-Sonar.
Ein Team um den dänischen Meeresbiologen Bertel Møhl wies bei frei lebenden Pottwalen Klicklaute mit einem Schalldruckpegel von bis zu 236 Dezibel nach. Ein Klick dauert dabei nur den Bruchteil einer Millisekunde, bündelt aber eine gewaltige akustische Energie. Pottwale übertreffen damit selbst den Blauwal, dessen tieffrequente Gesänge bei etwa 188 Dezibel liegen, sowie den winzigen Knallkrebs (Pistolenkrebs), der mit seiner Schere Kavitationsblasen mit Spitzenwerten von über 210 Dezibel erzeugt.
Dezibel ist nicht gleich Dezibel: Wasser vs. Luft
Auf den ersten Blick wirkt die Zahl 236 Dezibel unvorstellbar. Zum Vergleich: Der Start einer Saturn-V-Mondrakete erzeugte in der Luft einen Schallpegel von etwa 204 Dezibel. Ist der Pottwal also lauter als eine Weltraumrakete?
Hier greift ein häufiger Trugschluss. Das Dezibel ist keine absolute Maßeinheit wie Meter oder Gramm, sondern ein logarithmisches Verhältnis zu einem Referenzwert. Und dieser Referenzwert ist in Luft und Wasser grundlegend verschieden:
- Der Referenzschalldruck: In der Luftakustik gilt international ein Referenzdruck von 20 Mikropascal ($20\ \mu\text{Pa}$), was in etwa der menschlichen Hörschwelle bei 1.000 Hertz entspricht. In der Unterwasserakustik nutzt man dagegen standardmäßig einen Referenzdruck von $1\ \mu\text{Pa}$. Allein dieser Unterschied sorgt dafür, dass derselbe physikalische Druck unter Wasser numerisch um etwa 26 Dezibel höher angegeben wird.
- Dichte und Schallgeschwindigkeit: Wasser ist rund 800-mal dichter als Luft, und Schall breitet sich darin mehr als viermal schneller aus. Berücksichtigt man die akustische Impedanz des Mediums, muss man von einem Unterwasser-Dezibelwert rund 61,5 bis 62 Dezibel abziehen, um ein vergleichbares Maß für die Schallintensität in der Luft zu erhalten.
Ein Pottwal-Klick von 236 dB re $1\ \mu\text{Pa}$ entspricht in der Luft somit ungefähr einer Schallintensität von 174 dB re $20\ \mu\text{Pa}$. Das ist immer noch atemberaubend laut – vergleichbar mit einem Gewehrschuss direkt neben dem Ohr –, liegt aber unter den Stoßwellen einer Schwerlastrakete. In normaler Umgebungsluft auf Meereshöhe wären kontinuierliche Schallwellen von 230 Dezibel physikalisch unmöglich, da die theoretische Grenze für linearen Schall bei etwa 194 Dezibel liegt; darüber verwandelt sich der Schall in eine reine Druckstoßwelle.
Mythos Körperschaden: Können Pottwal-Klicks Organe verflüssigen?
Im Internet kursiert gelegentlich die Behauptung, das Sonar eines Pottwals könne menschliche Organe „in Stücke vibrieren“ oder gar „verflüssigen“. Das ist eine Übertreibung. Zwar berichten erfahrene Freitaucher, dass man die fokussierten Klicks als kraftvolles Schlagen im Brustkorb spürt und die Hände kribbeln, wenn ein Wal direkt auf einen zielt. Doch ein gezieltes Zerstören von Gewebe gehört ins Reich der Mythen.
Dennoch ist Vorsicht geboten: Wer sich ungeschützt unmittelbar vor der Schnauze eines klickenden Pottwals aufhält, riskiert schwere akustische Traumata wie ein gerissenes Trommelfell oder Desorientierung. Professionelle Meeresbiologen halten daher stets respektvollen Abstand ein.
Wie entsteht dieser gewaltige Unterwasser-Knall?
Um solche Laute zu erzeugen, besitzt der Pottwal das größte Schallerzeugungsorgan des Tierreichs: seinen riesigen Kopf, der bis zu einem Drittel des gesamten Körpers einnimmt. Im vorderen Kopfbereich befinden sich sogenannte Affenlippen (phonic lips). Wenn der Wal Luft hindurchpresst, klatschen diese Membranen aufeinander und erzeugen einen harten Knall.
Dieser Schall wandert zunächst nach hinten durch das gewaltige Spermaceti-Organ, wird an einem lufterfüllten Sack vor dem Schädelknochen reflektiert und schließlich durch linsenförmige Fettkörper nach vorne ins freie Wasser gebündelt. Auf diese Weise entsteht ein hochkonzentrierter Schallstrahl, mit dem der Meeressäuger selbst kleine Kalmare auf hunderte Meter Entfernung zentimetergenau orten kann.
Häufige Fragen
Welches Tier ist das lauteste an Land?
Als lautestes Landsäugetier gilt der Brüllaffe mit Rufen von bis zu 140 Dezibel, die kilometerweit durch das Kronendach des Regenwalds dringen. Ähnlich hohe Schalldrücke erreichen bestimmte Fledermausarten bei ihren Ultraschallrufen.
Warum kann man Dezibel im Wasser und in der Luft nicht direkt vergleichen?
Dezibel sind logarithmische Verhältniswerte, die sich auf unterschiedliche Referenzdrücke beziehen (1 µPa im Wasser gegenüber 20 µPa in der Luft). Zudem besitzt Wasser eine viel höhere Dichte. Um die Schallintensität zu vergleichen, zieht man vom Unterwasserwert grob 61,5 Dezibel ab.
Kann ein Klick des Pottwals einen Menschen töten?
Nein. Berichte über angeblich „verflüssigte Organe“ sind wissenschaftlich unhaltbar. In unmittelbarer Nähe des Kopfes kann die extreme Druckwelle jedoch das Trommelfell schädigen und gefährliche Barotraumata verursachen.
Wozu nutzen Pottwale ihre lauten Klicks?
In erster Linie nutzen Pottwale die Klicks zur Echoortung in lichtlosen Meerestiefen, um Beute aufzuspüren. Darüber hinaus dienen rhythmische Klickmuster (sogenannte Codas) der sozialen Verständigung innerhalb der Walfamilien.




