Kann ein Fisch tiefer im Ozean schwimmen, als der Mount Everest in den Himmel ragt? Die kurze Antwort lautet: Fast, aber nicht ganz. Während wirbellose Tiere tatsächlich in über 10.000 Metern Tiefe vorkommen, liegt der absolute Weltrekord für Fische bei exakt 8.336 Metern. Entdeckt wurde dieser Rekordhalter im Izu-Ogasawara-Graben vor Japan: ein durchscheinender Schneckenfisch aus der Familie der Scheibenbäuche (Liparidae).
In diesen Zonen herrschen Bedingungen, die für uns Menschen unvorstellbar sind: ewige Dunkelheit, Wassertemperaturen knapp über dem Gefrierpunkt und ein Druck, der jedes gewöhnliche U-Boot im Nu zerquetschen würde. Wie Lebewesen an diesem extremen Ort nicht nur ausharren, sondern erstaunlich vital agieren, gehört zu den faszinierendsten Erkenntnissen der modernen Meeresbiologie.
Die Stufen in die Tiefe: Vom Sonnenlicht ins ewige Schwarz
Wenn wir an die Tiefsee denken, tauchen vor dem inneren Auge meist bekannte Dokumentarfilm-Klassiker auf. Da ist der Riesenkalmar (Architeuthis dux), der in rund 1.000 Metern Tiefe durch die Dämmerzone streift. Etwas weiter unten, bei etwa 1.300 Metern, lauert der urzeitlich wirkende Koboldhai. Sinkt man auf 2.000 Meter hinab, begegnet man den berühmten Tiefsee-Anglerfischen, deren leuchtende Köder im pechschwarzen Wasser Beute anlocken. In dieser Tiefe herrscht bereits ein Druck von 200 Bar – das Zweihundertfache dessen, was auf Meereshöhe auf uns lastet.
Der Short von BaconRants bringt diese faszinierende Reise nach unten kurz und knackig auf den Punkt und zeigt anschaulich, wie rasch sich die Lebensbedingungen mit jedem Kilometer verändern. Doch wer glaubt, mit dem Anglerfisch sei die Talsohle des Lebens erreicht, hat die Rechnung ohne die tiefsten Schluchten unseres Planeten gemacht.
Der Rekordhalter: Wer ist der Hadal-Schneckenfisch?
Unterhalb von 6.000 Metern beginnt das Hadal, die Tiefseegräben der Weltmeere. Lange Zeit galt diese Zone als nahezu leblose Wüste. Moderne Lander-Systeme – autonome Kamerastationen, die bis auf den Grund absinken – haben dieses Bild grundlegend revidiert.
Im August 2022 gelang einem Forschungsteam um den Tiefseebiologen Alan Jamieson (Minderoo-UWA Deep-Sea Research Centre und Tokyo University of Marine Science and Technology) eine historische Aufnahme: Im Izu-Ogasawara-Graben südlich von Japan filmten sie ein Jungtier der Schneckenfisch-Gattung Pseudoliparis in 8.336 Metern Tiefe. Nur wenige Tage später fingen die Forschenden im benachbarten Japan-Graben zwei Exemplare der Art Pseudoliparis belyaevi aus 8.022 Metern – die tiefsten jemals gefangenen Fische überhaupt.
Im Gegensatz zu zähnefletschenden Tiefsee-Räubern wirkt dieser Rekordfisch überraschend unscheinbar: Er erinnert an eine kleine, zartrosa Kaulquappe, besitzt keine Schuppen, hat eine fast transparente Haut und nur rudimentäre Augen. Trotz dieser fragilen Erscheinung ist der Schneckenfisch in seinem Reich der absolute Spitzenprädator. Er jagt dort massenhaft vorkommende Flohkrebse, da er in dieser Tiefe keine Fressfeinde mehr fürchten muss.
Die biologische 8.400-Meter-Mauer
Häufig hört man den Satz, Tiere lebten tiefer, als der Mount Everest hoch ist. Für das Tierreich insgesamt stimmt das: Im Challengertief des Marianengrabens (knapp 11.000 Meter Tiefe) wimmelt es von winzigen Krebstieren (Hirondellea gigas), Seegurken und Borstenwürmern. Der Mount Everest mit seinen 8.848 Metern würde dort unten vollständig versinken, und Tiere gäbe es darüber immer noch.
Für Fische – also komplexe Wirbeltiere – gilt das jedoch nicht. Sie stoßen bei etwa 8.400 Metern an eine unüberwindbare physiologische Mauer. Der Grund liegt auf zellulärer Ebene: Unter gigantischem hydrostatischem Druck verlieren Proteine und Enzyme ihre Form und stellen die Funktion ein. Um dem entgegenzuwirken, reichern Tiefseefische ein Schutzmolekül namens Trimethylamin-N-oxid (TMAO) in ihren Geweben an. TMAO stabilisiert Proteine wie ein molekulares Korsett.
Studien haben gezeigt: Je tiefer ein Knochenfisch lebt, desto höher ist seine TMAO-Konzentration. Bei einer Tiefe von rund 8.200 bis 8.400 Metern erreicht das System jedoch sein osmotisches Limit. Würde der Fisch noch mehr TMAO einlagern, wäre sein Gewebe konzentrierter als das umgebende Meerwasser. Seine Zellen würden unkontrolliert Wasser aufsaugen und aufquellen, oder das osmoregulatorische System müsste sich umkehren, was Wirbeltieren physiologisch unmöglich ist. Bei 8.336 Metern bewegen sich Fische also am absoluten biochemischen Limit für Wirbeltiere.
Konstruiert für das Extrem: Wie man unter 800 Bar überlebt
In über 8.000 Metern Tiefe lastet ein Druck von mehr als 800 Atmosphären auf den Tieren – vergleichbar mit dem Gewicht hunderter Elefanten auf einer winzigen Fläche. Warum implodiert ein Schneckenfisch dabei nicht?
- Keine Gashohlräume: Tiefseefische besitzen keine Schwimmblase. Wo kein Gas eingeschlossen ist, kann physikalisch auch nichts zerquetscht werden. Ihr Gewebe besteht überwiegend aus inkompressiblem Wasser und einer gallertartigen Masse.
- Knorpel statt starre Knochen: Das Skelett hadaler Schneckenfische ist stark verknorpelt. Sogar die Schädelplatten weisen elastische Fugen auf, die dem Wasserdruck flexibel nachgeben.
- Flüssige Zellmembranen: Kälte und Druck lassen Zellmembranen normalerweise steif und undurchlässig werden. Tiefsee-Organismen bauen deshalb einen besonders hohen Anteil an ungesättigten Fettsäuren in ihre Membranen ein, damit diese elastisch und funktionstüchtig bleiben.
Häufige Fragen
Welcher ist der tiefste jemals gefilmte Fisch?
Den Rekord hält ein Schneckenfisch der Gattung Pseudoliparis, der im August 2022 im Izu-Ogasawara-Graben in einer Tiefe von 8.336 Metern gefilmt wurde. Das Guinness-Buch der Rekorde hat diesen Fund offiziell zertifiziert.
Leben Tiere tiefer, als der Mount Everest hoch ist?
Ja, allerdings keine Wirbeltiere. Wirbellose wie Flohkrebse, Borstenwürmer und Seegurken leben bis zum Grund des Marianengrabens in fast 11.000 Metern Tiefe. Fische hingegen können aufgrund osmotischer Grenzen nur bis maximal etwa 8.400 Meter überleben.
Zerplatzen Tiefseefische, wenn sie gefangen werden?
Sie platzen nicht spektakulär wie ein Ballon, nehmen aber schweren Schaden. Da sie keine gasgefüllten Schwimmblasen haben, dehnt sich keine Luft aus. Allerdings denaturieren ihre druckangepassten Proteine bei normalem Oberflächendruck, und die warmen Temperaturen an der Oberfläche führen schnell zum Zelltod.
Was fressen Fische in über 8.000 Metern Tiefe?
Sie ernähren sich primär von hadalen Flohkrebsen (Amphipoden). Diese Krebse wiederum leben von herabsinkendem organischem Material von der Meeresoberfläche, dem sogenannten „Meeresschnee“, oder von herabgesunkenen Tierkadavern.
Quellen
- Guinness World Records: Deepest fish
- The University of Western Australia: Scientists break new record after finding world’s deepest fish
- PNAS: Marine fish may be biochemically constrained from inhabiting the deepest ocean depths
- NOAA Ocean Exploration: The Hadal Zone
- Inspiration: Short von BaconRants




