Als Kind dauerten die Sommerferien gefühlt ewig, und bis Weihnachten war es eine halbe Ewigkeit. Heute ist Weihnachten gefühlt gerade erst vorbei, und schon liegen wieder Lebkuchen im Supermarkt. Kommt dir bekannt vor? Dann bist du in bester Gesellschaft. Ein französischer Philosoph hat sich schon 1877 eine einfache Formel dafür überlegt. Mit diesem Rechner kannst du ausprobieren, was sie für dein Leben bedeutet. Keine Sorge: Am Ende gibt es gute Nachrichten.
Gedankenspiel keine Wissenschaft
Wichtig vorab: Der Rechner ist ein Gedankenmodell, keine Messung. Niemand kann wiegen, wie lang sich dein Leben anfühlt. Die Formel ist eine hübsche Idee mit wahrem Kern, aber die Forschung zeigt: Wie schnell die Zeit vergeht, hängt viel stärker davon ab, wie du lebst, als davon, wie alt du bist. Und die Lebenserwartung ist ein Durchschnittswert aus der Statistik, keine Vorhersage für dich.
Die Idee: Ein Jahr ist immer ein kleineres Stück vom Leben
Der Philosoph Paul Janet veröffentlichte 1877 in der Revue philosophique einen kurzen Text mit dem schönen Titel „Une illusion d’optique interne“ – eine innere optische Täuschung. Sein Gedanke: Wie lang uns ein Zeitraum vorkommt, hängt davon ab, wie groß er im Verhältnis zu unserem bisherigen Leben ist. Für ein fünfjähriges Kind ist ein Jahr ein Fünftel seines Lebens, für eine Fünfzigjährige nur ein Fünfzigstel. Heute spricht man vom Janet’schen Gesetz, auch wenn es eher eine Faustregel als ein Naturgesetz ist.
Rechnet man diese Idee konsequent zu Ende, kommt ein Logarithmus heraus. Die Formel stammt nicht von Janet selbst, sondern ist eine moderne mathematische Zuspitzung seines Gedankens:
- Gefühlte Zeit von deinem Startalter s bis zu deinem Alter a: ln(a / s)
- Gefühlter Anteil deines Lebens bei einer Lebenserwartung L: ln(a / s) ÷ ln(L / s)
- Gefühlte Lebensmitte: √(s × L), also die Wurzel aus Startalter mal Lebenserwartung
Das Startalter brauchen wir, weil die Rechnung ab Alter null nicht funktioniert – und weil wir an die ersten Lebensjahre ohnehin kaum Erinnerungen haben. Im Durchschnitt reichen die frühesten Erinnerungen Erwachsener bis ins Alter von etwa dreieinhalb Jahren zurück. Deshalb steht der Rechner standardmäßig auf 3 Jahren; du kannst aber auch mit 1 Jahr rechnen.
Beispiel: 80 Jahre Lebenserwartung
So sieht das Modell bei einer angenommenen Lebenserwartung von 80 Jahren aus:
| Alter | Gefühlt erlebt (Start mit 1 Jahr) | Gefühlt erlebt (Start mit 3 Jahren) | Nach dem Kalender |
|---|---|---|---|
| 10 | 53 % | 37 % | 13 % |
| 20 | 68 % | 58 % | 25 % |
| 30 | 78 % | 70 % | 38 % |
| 40 | 84 % | 79 % | 50 % |
| 50 | 89 % | 86 % | 63 % |
| 60 | 93 % | 91 % | 75 % |
Die gefühlte Lebensmitte liegt mit Startalter 1 bei gerade einmal 8,9 Jahren (√80), mit Startalter 3 bei 15,5 Jahren (√240). Und ein Jahr mit 40 fühlt sich laut Formel so lang an wie anderthalb Monate mit 5.
Klingt erst mal ernüchternd? Halb so wild – jetzt kommt der Teil, in dem die Wirklichkeit freundlicher ist als die Formel.
Stimmt das überhaupt? Was die Forschung sagt
Wenn man Menschen direkt fragt, fällt der Alterseffekt viel kleiner aus, als die Formel vermuten lässt:
- Wittmann und Lehnhoff (2005) befragten in München 499 Menschen zwischen 14 und 94 Jahren. Ältere hatten tatsächlich etwas öfter den Eindruck, dass die Zeit schneller vergeht – aber der Effekt war klein bis mittel: Das Alter erklärte höchstens 10 Prozent der Unterschiede zwischen den Befragten.
- Friedman und Janssen (2010) befragten 1865 Erwachsene zwischen 16 und 80 Jahren in zwei Ländern. Ergebnis: Menschen jeden Alters finden, dass die Zeit schnell vergeht. Echte Altersunterschiede gab es kaum – mit einer Ausnahme: der Frage, wie schnell die letzten zehn Jahre vergangen sind. Am besten passte die Erklärung Zeitdruck: Wer viel zu tun hat, empfindet die Zeit als schneller.
- Paul Janet selbst vermutete übrigens schon 1877, dass sich der Effekt vor allem beim Rückblick auf lange Zeiträume zeigt, etwa ganze Jahre oder Jahrzehnte – und nicht so sehr im Alltag von Tag zu Tag.
Die Wissenschaftsjournalistin und Psychologin Claudia Hammond fasst es so zusammen: Die Rechnung „ein Jahr ist ein Achtel des Lebens mit acht, ein Vierzigstel mit vierzig“ beschreibt das Gefühl, erklärt es aber nicht.
Warum die Zeit trotzdem zu rasen scheint
Eine bessere Erklärung hat mit dem Gedächtnis zu tun. Wir beurteilen Zeit auf zwei Arten: Im Moment („Wie schnell vergeht die Zeit gerade?“) und im Rückblick („Wie lange war das?“). Im Rückblick schätzt unser Gehirn die Dauer vor allem daran ab, wie viele neue, unterscheidbare Erinnerungen in dieser Zeit entstanden sind.
Hammond nennt das das Urlaubsparadox: Im Urlaub ist alles neu, die Tage fliegen nur so dahin. Zurück zu Hause kommt es einem aber vor, als wäre man ewig weg gewesen – weil man in kurzer Zeit so viele neue Erinnerungen gesammelt hat. In einer ganz normalen Alltagswoche dagegen passiert vieles zum hundertsten Mal: derselbe Weg zur Arbeit, dasselbe Mittagessen. Diese Tage verschwimmen im Rückblick zu einem einzigen Brei und schrumpfen zusammen.
Als Kind ist fast alles ein erstes Mal: der erste Schultag, das erste Mal Fahrradfahren ohne Stützräder, der erste Urlaub am Meer. Später wird vieles Routine. Weniger Neues bedeutet weniger Erinnerungsanker – und im Rückblick fühlen sich die Jahre kürzer an.
So fühlt sich Zeit wieder länger an
Die gute Nachricht: Das kannst du beeinflussen. Hammonds Tipps sind erstaunlich alltagstauglich:
- Neues ausprobieren: ein neues Hobby, eine fremde Stadt, ein Kurs, ein Rezept, das du noch nie gekocht hast.
- Routine aufbrechen: einen anderen Weg nehmen, eine Haltestelle früher aussteigen, nicht jeden Tag dasselbe Brot essen.
- Wochenenden füllen: Wer am Samstag etwas Neues erlebt, hat am Montag das Gefühl, das Wochenende sei lang gewesen.
- Aber: Ausruhen ist auch erlaubt. Ein gemütliches Sofa-Wochenende vergeht schneller – das ist völlig in Ordnung.
Und noch ein tröstlicher Gedanke von Hammond: Wenn die Wochen nur so vorbeirauschen, kann das schlicht bedeuten, dass dein Leben gerade voll und abwechslungsreich ist. Richtig langsam vergeht die Zeit nämlich oft dann, wenn man sich langweilt oder es einem nicht gut geht.
Das Gedankenspiel im Rechner
Unter dem Diagramm findest du einen Schieberegler: Was wäre, wenn sich deine kommenden Jahre durch viele neue Erlebnisse zum Beispiel 30 Prozent länger anfühlen? Der Rechner zeigt dann, wie sich deine gefühlte Restzeit verschieben würde. Das ist ausdrücklich keine Wissenschaft, sondern nur ein Spiel mit der Formel. Es zeigt aber schön, worum es geht: Die Zahl auf dem Kalender kannst du nicht ändern, das Gefühl für die Zeit schon ein bisschen.
Woher die Lebenserwartung kommt
Der Rechner schlägt dir eine Lebenserwartung aus der Sterbetafel 2022/2024 des Statistischen Bundesamts vor. Dafür nimmt er dein Alter und die fernere Lebenserwartung, also die Jahre, die Menschen deines Alters im Durchschnitt noch vor sich haben. Nach dieser Tafel liegt die Lebenserwartung bei Geburt für Jungen bei 78,47 und für Mädchen bei 83,19 Jahren. Wer 65 ist, hat im Schnitt noch 17,71 Jahre (Männer) bzw. 20,91 Jahre (Frauen) vor sich. Wer älter ist, hat schon einige Risiken hinter sich – deshalb steigt die erwartete Gesamtlebensdauer mit dem Alter leicht an.
Wählst du „keine Angabe“, nimmt der Rechner den Mittelwert aus beiden Tabellen. Wichtig: Eine Periodensterbetafel ist eine Momentaufnahme der heutigen Sterblichkeit und keine Prognose. Du kannst den Wert deshalb jederzeit selbst ändern.
Lust auf mehr Rechner? Probier aus, welcher Stern so weit entfernt ist, wie du alt bist, oder wie weit du von einem Berg aus sehen kannst.
Quellen
- Paul Janet (1877): Une illusion d’optique interne. Revue philosophique de la France et de l’étranger, Bd. III, S. 497–502 (Inhaltsverzeichnis auf Wikisource)
- Wearden, J. H. (2022): Paul Janet and Changes in the Apparent Speed of Passage of Time with Aging. Timing & Time Perception 10(3)
- Wittmann, M. & Lehnhoff, S. (2005): Age Effects in Perception of Time. Psychological Reports 97(3), 921–935
- Friedman, W. J. & Janssen, S. M. J. (2010): Aging and the speed of time. Acta Psychologica 134(2), 130–141
- Bauer, P. J., Tasdemir-Ozdes, A. & Larkina, M. (2014): Adults’ reports of their earliest memories. Memory
- Claudia Hammond: Time Warped (2012) – Interview zum Urlaubsparadox, Brain World
- Telegraph (2012): „Holiday paradox“ explains why time flies
- Statistisches Bundesamt: Statistischer Bericht – Sterbetafeln 2022/2024
- Statistisches Bundesamt: Lebenserwartung bei Geburt erreichte 2024 wieder Vor-Corona-Niveau (Pressemitteilung, Juli 2025)




